Ich hab dich nie singen gehört. Trotzdem wette ich, dass ich weiß, was bei dir passiert, sobald eine Melodie nach oben geht.
Du wirst lauter. Stimmt's? 🧐
Don't worry, ich weiß, dass es den meisten nicht mal bewusst ist! Meistens ist dann der höchste Ton auch noch der lauteste.
Wenn du dir nicht sicher bist, sing eine Phrase und beobachte, ob du dazu tendierst.
Ich gebe es zu: Ich hab das auch jahrelang so gemacht. Und ich sag dir ehrlich, in 15 Jahren Gesangsunterricht bei mindestens acht verschiedenen Vocal Coaches ist es keiner einzigen Person aufgefallen. Acht!
Hätte mir das jemand früher gesagt … egal. Jetzt sag ich's dir.
Warum hohe Töne nicht automatisch lauter sein müssen
Wenn du in deine Noten schaust, steht da ein hoher Ton. Da ist kein Wort von „lauter“. Außer natürlich, du siehst ein Crescendo-Zeichen … aber diese findest du gerade in Popnoten äußerst selten.
Also, das Problem ist nicht der hohe Ton, sondern was im Körper gespeichert ist:
Tonhöhe und Lautstärke werden im Kehlkopf über unterschiedliche Mechanismen gesteuert. Für die Höhe werden die Stimmlippen vor allem gedehnt und dünner. Für die Lautstärke spielt der Luftdruck unter den Stimmlippen eine große Rolle. Die beiden sind aber Nachbarn, die sich gern gegenseitig mitziehen: Steigt der Druck, steigt auch der Ton ein wenig mit.
Im Alltag kannst du das in jedem vollen Restaurant beobachten. Wenn's rundherum laut wird, sprechen alle lauter, und dabei auch höher. In der Forschung heißt das Lombard-Effekt. Niemand beschließt das, es passiert einfach.
Und wenn man im sogenannten Stimmfeld misst, wie leise und wie laut jemand auf jeder Tonhöhe singen kann, sieht man noch etwas: Nach oben hin wird es schwieriger, ganz leise zu bleiben. Ein bisschen lauter wird's in der Höhe also fast von selbst.
Die Challenge: nicht noch mehr draufzupacken!
Ich hab übrigens eine Theorie, warum dieses Muster so hartnäckig ist: Lange bevor irgendwer gesungen hat, hat irgendwer geschrien. Ein Schrei ist hoch und laut, und fürs Überleben war er eindeutig wichtiger als jede schöne Melodie. Wer geschrien hat, wollte gehört werden, und zwar sofort.
Kein Wunder also, dass unser Körper „hoch“ und „laut“ gern im Paket liefert. Beweisen kann ich das nicht. Aber das erklärt es zumindest für mich.
Was halt passiert: Der Druck steigt, sobald du Lautstärke dazugibst. Deshalb wird der Ton auch enger und anstrengender, besonders wenn du ihn im Resonanzraum nicht stützt! 🤯
Probiere es selbst aus
Nimm eine kurze Phrase aus einem Song, die nach oben geht. Sing sie einmal ganz normal und nimm dich mit dem Handy auf.
Dann sing sie noch einmal und lass die Lautstärke gleich, während die Melodie steigt. Oder werde nach oben hin sogar bewusst leiser.
Hör dir beide Aufnahmen an.
Im zweiten Fall klingt der hohe Ton vielleicht gerade nicht so kraftvoll. Aber das ist dein 1. Schritt zu einer freien Stimme. Denn erst wenn wir nicht mehr unterbewusst irgendwelche Muskeln anspannen, die eine freie Schwingung verhindern, können wir unser Instrument „sauber aufsetzen“.
Mein kleiner Tipp für heute: Achte genau darauf! Werde in der Höhe mal bewusst leiser statt lauter.
Wissenschaftliche Quellen
Titze, I. R. (1989): On the relation between subglottal pressure and fundamental frequency in phonation. Journal of the Acoustical Society of America.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/2926005/
Stowe, L. M. et al. (2013): Evidence that the Lombard effect is frequency-specific in humans. Journal of the Acoustical Society of America.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3985863/
Titze, I. R. & Sundberg, J. (1992): Vocal intensity in speakers and singers. Journal of the Acoustical Society of America.