Zungenposition beim Singen: Was Lilli Lehmann schon 1902 wusste

Lilli Lehmann, Sopranistin und Gesangspädagogin, hatte 1902 nicht die Mittel, um mit heutigen bildgebenden Verfahren zu beweisen, was eine flach liegende Zunge beim Singen bewirkt, aber sie beschrieb in ihrem Buch „Meine Gesangskunst“ bereits, dass sie in bestimmten Situationen zu einem eingeengten, unangenehmen Klang beitragen könne.

Während du also vielleicht noch versuchst, deine Zunge möglichst brav am Mundboden liegen zu lassen, hatte eine der großen Sängerinnen ihrer Zeit den hinteren Teil längst angehoben und ihm eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe gegeben.

Eine berühmte Sängerin und ihre außergewöhnliche Schülerin

Wie viel ihre Arbeit bewirken konnte, lässt sich in der Geschichte ihrer Schülerin Geraldine Farrar nachlesen.

Farrar sang bereits an der Berliner Oper, als sie sich an Lehmann wandte, weil sie eine erfahrene Lehrerin an ihrer Seite haben wollte.

Fun Fact: Ihr erster Brief blieb unbeantwortet, und erst als ihre Mutter schrieb, klärte sich der wenig glamouröse Grund: Lehmann hatte Geraldines Handschrift schlicht nicht entziffern können. ✉️

An einem kalten Wintermorgen stand Farrar schließlich mit ihrer Mutter vor Lehmanns Haus in Grunewald. Die berühmte Sängerin hatte zugesagt, sie anzuhören, eine Aufnahme als Schülerin allerdings nicht versprochen.

Sie nahm sie an und erarbeitete mit ihr später die Elisabeth in Wagners Tannhäuser. Als Farrar damit in Berlin großen Erfolg hatte, gratulierte der Kaiser auch ihrer Lehrerin, die mit Farrars Mutter im Publikum saß. Farrar schrieb später, dass sie Lehmanns Einfluss einen beträchtlichen Teil ihres Erfolges verdankte.

Was Lilli Lehmann über die Zunge beim Singen wusste

Das war umfassende künstlerische Arbeit, zu der auch Lehmanns genaue Beschäftigung mit der Zunge gehörte. In ihrem Buch beschreibt sie eine tiefe Zungenspitze und einen angehobenen hinteren Anteil, der beweglich bleiben und mit dem Kehlkopf zusammenarbeiten sollte.

👉 Die Zungenspitze unten zu sehen und daraus zu schließen, die ganze Zunge müsse unten bleiben, wäre also schon damals ein Missverständnis gewesen!

Vielleicht liegt darin etwas, das dir vertraut vorkommt: Du übst gewissenhaft, hörst aufmerksam zu und bemühst dich, jede Anweisung richtig umzusetzen, während sich ausgerechnet die Stelle, an der du endlich frei singen möchtest, kaum verändert.

Dann zweifelt man irgendwann am eigenen Talent, obwohl noch gar nicht geklärt ist, ob die körperliche Aufgabe zum gewünschten Klang passt.

Warum die Zunge beim Singen aktiv sein darf

Die Zunge formt jeden deiner Vokale mit, auch wenn du ihr bisher vor allem die Aufgabe gegeben hast, möglichst wenig zu stören. Dafür braucht sie fein abgestimmte Muskelaktivität, und eine angenehm bewegliche Zunge kann durchaus aktiv sein.

Lehmann hatte noch kein MRT, in dem sie diese Veränderungen hätte verfolgen können. Sie hörte, beobachtete und beschrieb, was sie beim Singen wahrnahm; heute können wir solche Beobachtungen genauer untersuchen.

Was mich daran beschäftigt, ist, wie viel Aufmerksamkeit wir manchmal dem geben, was wir beim Singen noch nicht können, während eine Bewegung, die unseren Klang längst mitgestaltet, fast unbemerkt bleibt.

Die Zunge war bei jedem Ton dabei. In unserer Vorstellung sollte sie nur möglichst nichts tun.

Lilli Lehmann zum Anhören 🎶

Leider gibt es keine Aufnahmen aus ihrem Unterricht, aber dafür eine ihrer historischen Gesangsaufnahmen:

Lilli Lehmann: Historische Gesangsaufnahme auf YouTube

Historische Quellen

Lehmann, Lilli (1902): Meine Gesangskunst. Besonders die Abschnitte zur Zungenposition und zum Zusammenspiel von Zunge und Kehlkopf.

Lehmanns Buch „How to Sing“ online lesen (englische Ausgabe)

Farrar, Geraldine (1916): Geraldine Farrar: The Story of an American Singer. Kapitel VIII: Imperial Encouragement.

Farrars Erinnerungen an Lilli Lehmann lesen (Englisch)

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